Gut gemeinte Sätze in der Trauer. In meiner persönlichen Trauer war/ ist für mich der schlimmste Satz...
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*RedaktionsEngel* -
23. Februar 2019 um 23:04 -
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28 Kommentare
Gut gemeinte Sätze in der Trauer. In meiner persönlichen Trauer war/ ist für mich der schlimmste Satz...
Für mich waren / sind die schlimmsten Sätze:
"Warte mal ein paar Wochen ab, dann ist alles vergessen...."
Nein, ich kann nichts vergessen, ich werde meine Ma nie vergessen.
"Ich glaube, es ist an der Zeit, mit Deiner Trauer abzuschließen“, oder „Du hast jetzt lange genug getrauert, einmal muss genug sein...."
Nein, keiner kann mir vorschreiben, wann ich mit meiner Trauer abschließe oder wie lange sie dauert.
Ich weiß, diese Sätze sind von denjenigen "gut" gemeint, aber sie zeigen mir auch, dass sie mich nicht wirklich kennen, nicht wissen, was in mir vorgeht.
Der Satz, mit dem ich oft konfrontiert wurde, da ich zu dieser Zeit schwanger war, lautete: "Ein Leben geht, ein neues kommt."
Doch ganz schlecht gewählt, denn - ja meine Schwiegermutter ist an ihrem Krebs elendig zu Grunde gegangen und es war sicher besser für sie - doch durfte sie somit nie ihr Enkelchen in den Arm nehmen und somit hat mein Sohn nur noch eine Oma.
Und was das Schlimmste daran ist, dass meine liebste Omi knapp 4 Monate später noch verstorben ist. Es wäre ihr erstes Urenkelchen gewesen. Da hätte ich dem Satz nach wohl Zwillinge bekommen müssen, um das Menschensoll auf Erden wieder aufzufüllen?! Zwei weg - zwei kommen?
Beide fehlen, die eine mehr, die andere weniger.
Sieben Monate nach dem Tod meines Lebenspartners, mit dem ich 20 schöne Jahre verbracht hatte, informierte ich meine Chefin, dass ich an der bevorstehenden Firmenweihnachtsfeier nicht teilnehmen werde (Essen gehen mit der 30-köpfigen Belegschaft, anschließend zur Bowlingbahn). Sie wollte das vorher wissen, um die Teilnehmerzahl kalkulieren zu können.
"Warum denn nicht?" war schon die erste überflüssige Frage. Als ich sagte: "Dieses Jahr ist mir nicht nach Feiern zumute", meinte sie:
"Sie müssen sich langsam wieder eingliedern, das Leben geht weiter!"
Erst nachdem ich antwortete: "Nein, das kann ich noch nicht", gab sie Ruhe. Dabei sollte sie wissen, wie das ist. Ein Jahr davor war ihre Mutter verstorben.
Mein Glückwunsch zu so schnellem Abhaken eines Todesfalls!
Auf mich hat der Spruch "Mein herzliches Beileid" nie hohl und gefühllos gewirkt.
Es ist schließlich keine alltägliche Äußerung, sondern nur tatsächlichen Todesfällen vorbehalten.
Es ist für mich etwas ganz Besonderes.
Anteilnahme soll sich ja nicht in einer Stellungnahme äußern. Sie ist hauptsächlich nonverbal.
Mit dem Spruch ist es ähnlich wie mit "Frohe Weihnachten".
Man kann ihn einem Arbeitskollegen (vielleicht noch einem, der Weihnachten arbeitet) so im Vorbeigehen hinwerfen, vielleicht anstatt Tschüss, oder man kann denjenigen ansehen dabei, sich etwas Zeit dazu lassen, ihm die Hand geben.
Das macht den Unterschied.
Wenn ich Wochen oder Monate nach dem Tod meines Partners jemandem (nicht so nahestehenden) sagen musste, dass Micha tot ist, dann war der Schock des endgültigen Abschiedes wieder ein bisschen gegenwärtig, und die Beileidsäußerung versetzte mich wieder zurück, ich war wieder so betroffen, wie beim Überbringen einer aktuellen Hiobsbotschaft.
Der Beileidsspruch zeigte mir wenigstens, dass ich gehört wurde, dass der andere sich veranlasst sieht, wenigstens Respekt vor meiner Trauer zu zeigen, mit einer gebräuchlichen Formel.
Oder auch nur Hilf- und Ratlosigkeit zu zeigen, das ist doch auch eine Reaktion!
ALLES ist besser als Appelle an ein Nachlassen meiner Trauer.
Auf den Tod kann man sich als Partner/Ehegatte/Kind/Freund vorbereiten.
Von Außenstehenden (auch Verwandten) wirklich tröstende Worte für den/die Trauernden zu finden, es will ja etwas ausgedrückt werden, was Bedauern und Zuspruch in einem kurzen Satz enthält, unmöglich.
"Mein Beileid" ist, wie alle Sprüche weiter oben, ohne jede Überlegung gedankenlos daher geplappert, um überhaupt etwas zu sagen, weil man ja was sagen muss, weil es jeder tut und es somit automatisch gesellschaftsfähig ist. Dass das Plattitüdencharakter hat, juckt keinen.
Die „gutmeinenden Sätze“ drücken nicht mehr als Hilflosigkeit aus und haben einen ähnlichen Stellenwert, wie "Geben Sie mir bitte 5 Brötchen" beim Bäcker.
Aus meinem Leben haben sich schon so viele gute Freunde verabschiedet und ich habe nie gewusst, welches "passende" Worte sein könnten.
Auch heute nicht.
Sicher ist, jeder einzelne meiner verstorbenen Freunde, sei es durch Unfall, Krankheit oder Gewalt, hat einen festen Platz tief in meinem Herzen, vergessen werde ich sie nie.
Für aufmerksamen Trost und Beistand bedarf es keiner Worte.
Ein fester Händedruck oder eine Umarmung, je nachdem wie die Personen zueinander stehen, ist absolut ausreichend, zur Not auch "Wenn Du mich brauchst, bin ich für Dich da." Mehr ist nicht notwendig .
Es gab viele gut gemeinte Sätze, aber auch oft einfach daher gesagte Sätze,
die ich aber bald nicht mehr hören wollte.
"Sie war doch schon so alt!"
Ja, aber sie war meine Ma und ich liebe sie von Herzen.
"Sie hat doch ihr Leben gelebt."
Wer bestimmt das denn? Sie hat meistens für uns gelebt.
"Du trauerst aber jetzt lange genug."
Diese Entscheidung, wie lange ich trauere, gehört mir alleine.
"Zeit heilt alle Wunden".
Für mich stimmt das so nicht, der Schmerz wird anders, aber er heilt nicht.
"Das Leben geht weiter".
Ja sicher, aber ohne sie fehlt ein ganzes Stück.
Diese Sätze habe ich so oft gehört und erst hier konnte ich meine Trauer leben, mich nicht hinter einer Maske verstecken.
Ich kann Sätze wie: "Die Zeit heilt alle Wunden" nicht mehr hören.
Was heilt? Nichts!!! Selbst nach mehr als 15 J. ist es immer noch eine brüchige Narbe, die immer wieder aufgeht, sobald nur ein wenig dran gekratzt wird. Nein, ich werde nicht verstanden, wie auch?
Und auch heute, nachdem ich meinen 2. Mann vor 7 Mon. verloren habe, nein es schmerzt immer. Sie können nicht verstehen, oder wollen es nicht. Wie denn auch? Werde ich gefragt wie geht es Dir, ist diese Frage oft verbunden mit dem Wunsch, dass ich lächeln oder lachen kann. Nein!!! Denn oft will nicht gehört werden, wie es in mir tatsächlich aussieht.
"Muss doch mal zu Ende sein", oh Mann, ich hasse solche Phrasensätze. Wie auch, wenn ein Teil von mir, nein, der wichtigste Teil, nicht mehr da ist. Dieser Schmerz bleibt ewig, er wird nie vergehen. Dann ist es mir lieber, ich werde erst gar nicht dazu gefragt, denn diese hirnlosen Sätze tun weh, und sie glauben noch was Gutes getan zu haben. Danke, auf solche "Anteilsfragen" kann ich verzichten.
Da gibt es viele solcher Sätze, die leider, so wie ich finde, ziemlich unpassend sind, auch wenn diejenigen es nicht so meinen.
,,Das wird schon."
Gar nichts wird mehr!! Meine Mutter ist tot, einfach weg, sie kommt nie wieder und da will mir einer sagen, das wird schon - wie und wo denn??!!
,,Du hast dein Leben ja noch vor Dir."
Auf jeden Fall, gerade weil ich es noch vor mir habe, wünschte ich mir, dass meine Mutter wieder kommt und bei mir ist. Nur weil man noch jünger ist, rechtfertigt das doch nicht, dass man mit dem Tod der Mutter klar kommt, oder? Was soll man von dieser Aussage denn halten??? So nach dem Motto, ok deine Mutter ist tot, aber aus Dir kann ja noch was werden...
,,Die Zeit heilt alle Wunden". Ja, vielleicht wenn man sich ein Bein oder sowas bricht, da passt der Spruch, aber nicht diese große Wunde, die man in seinem Herzen spürt und hat. Man glaubt es kaum, aber sogar viele Jahre später spürt man diesen Schmerz noch. Auch wenn man auch mal glücklich ist, ist es nicht so, als ob man dann ab diesem Moment nicht mehr traurig ist bzw. vergessen hat, einen wertvollen Menschen verloren zu haben.
Der Schmerz bleibt und heilt nie!
Für mich war das Schlimmste zu hören,
„Du weißt doch, das Leben geht weiter, du kennst das doch schon!“
Dieser Satz stammt von meinen Bruder, der mich tröstend in den Arm genommen hat und mich seelisch aufbauen wollte! Ich hasse diesen Satz!
Darf ich nicht mehr trauern, weil ich jetzt meinen 4. Partner verloren habe?
Wie kann man sich an den Tod gewöhnen?
Der entgegengesetzte Fall tritt doch ein. Die Psyche macht irgendwann nicht mehr mit. Ich frage mich, warum darf ich nicht glücklich werden, oder warum schenkt das Leben mir wieder eine neue Liebe und nimmt sie mir wieder weg, um noch tiefer zu fallen?
Niemand, der es nicht am eigenen Leib mitgemacht hat, kann sich in die Trauer hinein versetzen und sollte lieber seinen Mund halten. Wortloses Zuhören und eine Schulter zum Anlehnen bringen mehr als 1000 Worte!
Für mich sind die Sätze sehr verletzend:
"Du musst jetzt aber langsam (nach 8 Wochen!!) mal anfangen, Dich aufzurappeln"
"Du musst nach vorn schauen"
"Dein Leben geht weiter"
"Du musst, Du musst, Du musst..."
"Wir sind immer für Dich da, Du musst Dich nur melden"
"Ruf einfach an"
"Das Leben geht weiter"
All die gut gemeinten Sätze, die ich nicht ertragen konnte, nachdem mein Papa gestorben war,
waren es nicht "die gut gemeinten Sätze", die ich vorher in meiner Hilflosigkeit, nicht zu wissen, wie ich mich verhalten soll, wenn man mit der Trauer eines Menschen konfrontiert wird, selber zum Besten gegeben habe?
Man weiß um die Trauer anderer, aber die eigene Hilflosigkeit mit der Situation umzugehen, lässt einen manchmal Sätze sagen, die besser ungesagt geblieben wären.
Heute weiß ich es....
Ich habe schon viele gut gemeinte Worte gehört, keiner versteht, dass ich nach über 6 Monaten seit Papas Tod noch so tief in der Trauer stecke. Manchen Leuten nehme ich ihre Sprüche nicht übel, denn ich denke, sie wissen gar nicht, was sie sagen sollen...
Selbst mein Mann, mit dem ich seit 17 Jahren verheiratet bin, fragte vor 2 Monaten (mein Papa war da 4 Monate tot), als er mich heulend in der Küche sah: "Was ist los, was ist passiert?"
Ich nehme es ihm nicht übel, er hat vorher noch nie einen Todesfall in seiner Familie erlebt.
Am Schlimmsten aber fand ich, als ich meine Nachbarin ein paar Tage nach dem Tod meines Papas im Flur traf (sie wusste, dass er an Lungenkrebs erkrankt war), sie fragte: "Wie geht es?" und ich sagte: "Nicht so gut, mein Papa ist gestorben". Ihre Antwort: "Aber Sie wussten doch, dass er sterben wird. Wenn die Beerdigung vorbei ist, wird es Ihnen besser gehen."
Für mich war der schlimmste Satz immer: "Der Mensch lebt in der Erinnerung weiter".
Von mir aus könnte man den Satz ersatzlos streichen.
Der Mensch lebt nicht weiter... auch nicht in der Erinnerung. Er starb mit 38, und 38 ist die letzte Erinnerung, die ich haben werde. Während ich 50 oder 60 oder 70 werde, bleibt er immer 38. Ich werde nie erfahren, wie er wäre, wenn er älter geworden wäre.
Allenfalls lebt meine Erinnerung an den Menschen weiter, wobei "lebt" für mich einfach das falsche Wort ist. Weil an einer Erinnerung nichts Lebendiges ist. Sie existiert nur noch im Kopf oder durch Worte. Das, an was ich mich erinnere, das war lebendig - in dem Moment, wo es passierte - und ab dem nächsten Moment, ist es nur noch Erinnerung.
Seit mein Partner starb, bin ich auch mit meinen Erinnerungen allein. Ich kann auch die Erinnerungen nicht mehr mit ihm teilen. Ich kann nicht mehr zu ihm sagen: "Weißt Du noch....".
Ich kann jemandem davon erzählen, aber es ist nicht das Gleiche, denn derjenige hat es nicht miterlebt. Na ja, und wie es ist, wenn wir jemand anderem etwas erzählen, was der andere nicht miterlebt hat - in die Situation kann sich jeder in etwa reindenken. Das Gegenüber hängt nicht mit persönlichen Gefühlen in dieser Erinnerung. Es ist nur eine Erzählung...
In Erinnerungen "schwelgen" ist meist nur dann schön, wenn man sie teilt mit demjenigen, mit dem man sie erlebt hat. Und so bleibt man mit den vielen, vielen Erinnerungen an den verstorbenen Partner genauso allein, wie im Leben danach ohne ihn. Es fehlt die zweite Hälfte, und so fehlt genauso die zweite Hälfte der gemeinsamen Erinnerungen.
Ich weiß nicht, ob ich es irgendwann schön finden werde, wenigstens noch Erinnerungen zu haben. Es sind jetzt 8 Monate seit seinem Tod vergangen und bislang lösen meine Erinnerungen an ihn meist nur eins aus: Schmerz!
Jede Erinnerung tut weh, weil sie immer mit der Traurigkeit und dem Schmerz darüber verbunden ist, was nie wieder sein wird. Und am Ende jeder noch so schönen Erinnerung stehen diese Traurigkeit und dieser Schmerz.
Und eben weil jede Erinnerung Schmerz auslöst, insbesondere in der ersten Zeit, sind Sätze wie "Der Mensch lebt in der Erinnerung weiter", "Die Erinnerung bleibt" und ähnliche Sätze für mich in keinster Weise tröstlich. Ganz im Gegenteil, sie treffen bei mir genau den Punkt, der weh tut.
Anmerkung der Redaktion: Der Verfasser ist der Redaktion bekannt. Die Nutzung ist nur für den privaten persönlichen Gebrauch gestattet. Jede darüber hinausgehende Nutzung, insbesondere die private und gewerbliche Vervielfältigung, Änderung, Verbreitung egal in welcher Form oder Speicherung von Texten bzw. Textteilen, bedarf der vorherigen ausdrücklichen Zustimmung des Betreibers von meinetrauer.de. Das Urheberrecht verbleibt beim Verfasser des Textes.
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