Verlust des Partners - Bis zum letzten Atemzug - Florian
-
*RedaktionsEngel* -
21. August 2019 um 10:56 -
12.447 Mal gelesen -
16 Kommentare
Verlust des Partners - Bis zum letzten Atemzug - Florian
Florian musste ich wegen immer stärker werdender Schmerzen im Unterbauch am 2. Weihnachtsfeiertag ins Krankenhaus bringen. Dort blieb er dann auch erst mal und war nur noch zwei Mal für ein kurzes Wochenende zu Hause. Nach den notwendigen Untersuchungen stand direkt nach den Neujahrsfeiertagen fest, es ist Bauchspeicheldrüsenkrebs, bereits sehr weit fortgeschritten.
Als Flo die Diagnose hatte und mir sehr offen mitteilte, wie es um ihn steht, habe ich die Dramatik natürlich erst gar nicht wahr haben wollen.
Leider musste er mir sagen, wie es um ihn steht, denn, da ich ja kein Angehöriger von ihm war, bekam ich fast keine tieferen Auskünfte von den Ärzten. Florian hatte zwar gesagt, das ich Auskunft über alles bekommen kann, aber in solch einem Großklinikum, das zudem auch noch - meinem Empfinden nach - sehr konservatives Personal hat, war das wohl doch zu viel verlangt. Ich wollte natürlich die Hoffnung auf Heilung nicht aufgegeben, denn ich habe gedacht, die Medizin ist heute schon so weit, es wird Möglichkeiten der Heilung geben. Dann stellte sich heraus, dass der Krebs schon sehr gestreut hatte - insbesondere der Magen und die Lunge waren betroffen. Eine Chemo, die das Unvermeidliche hätte herauszögern können, war eine weitere Hoffnung von mir. Erst als Florian mir geschildert hat, was sein Vater, der auch an Krebs gestorben war, mitmachen musste, ist mir klar geworden, dass er das nicht will.
Danach begriff ich eigentlich erst richtig, dass es keine Hoffnung mehr gab. Es folgten dann so viele Gespräche mit ihm, so offen, so emotional, so rein und unverfälscht. Wir haben über fast alles geredet, teils bis tief in die Nacht. Ab und zu war es schon früher Morgen, als ich die Klinik verließ, um zur Arbeit zu fahren. Natürlich gab es deswegen Stress mit dem Klinikpersonal und auch in meiner Behörde, da ich ja absolut unkonzentriert und ständig müde war. Florian hat übrigens meist alleine auf dem Zimmer gelegen, so dass das „bei ihm“ sein eigentlich keinen hätte stören können.
Die ersten kleinen Geschwüre in der Höhe des Kiefers, die zuerst aussahen wie Pickel und täglich wuchsen, die erschreckende Gewichtsabnahme, die seinen athletischen Körper bis zur Unkenntlichkeit veränderte, die schlechter werdende Atmung, für die er dann Sauerstoff bekam, usw. haben mir sehr zu schaffen gemacht.
Er selbst war aber nach außen hin immer sehr tapfer, so als habe er absolut keine Angst vor dem Sterben. In der letzten Woche kam allerdings dann noch die Sorge, wo wir ihn „unterbringen“ können, da er nicht weiter im Krankenhaus verbleiben konnte.
Am 15.02., also zwei Tage vor seinem Tod hatte man ihm mitgeteilt, dass er bis zum Wochenanfang der nächsten Woche noch hätte bleiben können. Ich hätte ihn gerne bei uns zu Hause gehabt, aber die Möglichkeit gab es nicht, da wir einfach zu weit weg von der absolut notwendigen medizinischen Versorgung wohnen. Also kam ggf. ein Hospiz in Frage, das war aber auch ewig weit weg und die heute im modernen Hersfelder Klinikum befindliche spezielle Abteilung für onkologische Fälle war damals noch nicht ganz fertig. Also wäre ein Platz im Altenheim(!) eine Möglichkeit gewesen. Ich hab mir den Kopf zermartert, aber Flo sagte mir am Dienstagmorgen am Telefon schon, darüber sollte ich mir keine Gedanken mehr machen.
Er spürte wohl, dass er die Woche nicht überstehen wird. Das habe ich aber so noch gar nicht erkannt und dachte zunächst, er habe, wie immer, selbst irgend etwas geregelt. Ich habe am Nachmittag dann noch mal angerufen, weil ich ausgerechnet an dem Tag eigentlich nicht ins Krankenhaus konnte. Ich hatte einen beruflichen Termin, der auch länger dauerte. Wir haben uns dann über belanglose Sachen unterhalten (Post, Politik, den Nachbarn etc.). Seine Stimme klang aber so angespannt und irgendwie verändert. Anders als sonst sagte er zum Schluss dieses Gesprächs nicht_"Tschüss, mach´s gut und bis morgen, ich hab dich lieb". Dieses Mal endete sein Gruß mit: "Mein Steinchen, ich liebe Dich, mach´s gut und schlaf schön."
So formal war er sonst nicht. Dann kam doch die Unruhe in mir hoch. Gegen 23:00 Uhr habe ich es dann nicht mehr ausgehalten. Von uns aus (Heringen/Werra) bis zum Klinikum nach Bad Hersfeld sind es rund 30 Kilometer, die bin ich wegen meines Kopfkinos wie in Trance gefahren. Ich glaube heute noch fest daran, dass ich für die Strecke nur etwa 10 Minuten gebraucht habe - eigentlich unmöglich bei den vielen Kurven. Es muss aber so gewesen sein.
Ins Klinikum rein war dann kein Problem. Dann hatte ich aber erst noch eine Diskussion mit der Nachtschwester. Es war wie eine Erlösung, als ich Florian endlich sah und ich spürte, wie sehr er sich gefreut hat, dass ich bei ihm war. Er hatte vorher wieder seine „Drogen“ (Flo´s Worte) bekommen und es ging ihm wohl relativ gut. Zunehmend mehr merkte ich aber, dass er einfach abbaute, nicht nur von den Medikamenten. Das Sprechen fiel ihm schwer, seine Atmung wurde schwerer und gegen 00:20 Uhr lief der Tropf nicht mehr.
Dann wurde er auf einmal unruhig. Er wollte unbedingt aufstehen und auf die Toilette. Wegen der Schläuche war das aber schwierig und ich hatte Angst, dass er mir einfach umkippt. Die gerufene Nachtschwester brachte dann die Bettpfanne. Als die Schwester die Pfanne wieder abgeholt hat, habe ich nach dem Tropf gefragt, weil der mir doch Sorgen machte. Er lief ja immer noch nicht. Ich solle mir darüber jetzt keine Gedanken machen, war ihre Antwort.
Kurz danach war Florian für ein paar Minuten wie ausgewechselt, klar und orientiert, nur eben geschwächt und matt. Dann baute er auf einmal richtig ab, unvermittelt und unerwartet. Es war nicht die Müdigkeit und es waren auch nicht die Medikamente. Seine Atmung war so unregelmäßig, er bekam schlecht Luft. Ich hielt ihn dann in meinem Arm, damit er besser durchatmen konnte. Er schaute mich an, so ruhig und so freundlich, so liebevoll....
Dann sagte er mit leiser Stimme „Ich hab Dich lieb“ - seine letzten Worte an mich.
Ich schaute ihn an, hielt meine Tränen zurück, streichelte ihm über sein liebes Gesicht und drückte ihn dann ganz vorsichtig an mich.
Mein Kloß im Hals war so groß, dass ich einfach nichts sagen konnte. Dann schreckte Florian plötzlich hoch, als wenn er sich aufbäumen wollte. Er schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an, wollte tief Luft holen. Dann sackte er in meinem Arm zusammen. Ein kurzes Stöhnen noch und ein leises Ausatmen............
Meinen Kuss auf seine Stirn und mein „Ich liebe Dich“ hat er wohl schon nicht mehr mitbekommen. Ich weiß nicht, ob mich die Panik oder doch die Trauer zuerst ergriff. Die Tränen liefen wie ein Wasserfall. Ich erkannte, auch ohne Arzt, dass er mich verlassen hat. Seine Haut wurde leicht gelblich-weiß. Seine Augen waren auf und schauten mich immer noch an, sein Mund stand auf. Jetzt erst habe ich ihn sanft auf sein Kissen gelegt, seinen Mund und die Augen geschlossen. Ich habe mir Zeit gelassen, bevor ich die Schwester rief, denn ich hatte Angst, dass ich sofort aus der Klink muss.
Die Schwester war aber doch dann sehr verständnisvoll und auch die Ärztin, die herbeigerufen wurde. Ich durfte noch gut zwei Stunden bleiben und mich in Ruhe von Flo verabschieden. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Toten so lange alleine war. Ich habe lange seine Hand gehalten, seine Wärme gespürt....
Anmerkung der Redaktion: Der Verfasser ist der Redaktion bekannt. Die Nutzung ist nur für den privaten persönlichen Gebrauch gestattet. Jede darüber hinausgehende Nutzung, insbesondere die private und gewerbliche Vervielfältigung, Änderung, Verbreitung egal in welcher Form oder Speicherung von Texten bzw. Textteilen, bedarf der vorherigen ausdrücklichen Zustimmung des Betreibers von meinetrauer.de. Das Urheberrecht verbleibt beim Verfasser des Textes.
- trauer
- abschied
- tod
- krebs
- sterben
- verlust des partners
- verwitwet
- Bauchspeicheldrüsenkrebs
- Trauer um Partner
- Erfahrungsbericht
- Meine Gefühle
- Trauerbericht
- Meinetrauer
Kommentare 16
Neu erstellte Kommentare unterliegen der Moderation und werden erst sichtbar, wenn sie durch einen Moderator geprüft und freigeschaltet wurden.
Neu erstellte Kommentare unterliegen der Moderation und werden erst sichtbar, wenn sie durch einen Moderator geprüft und freigeschaltet wurden.