Stammbaum - Mein Lebensbaum der Gefühle - Meine Trauer

Stammbaum - Mein Lebensbaum der Gefühle - Meine Trauer

Auf der Suche nach einem Bild für mein Leben, für meine Gefühle (Liebe, Glück, Hoffnung, Schmerz, Trauer...) habe ich begonnen, Ausschau zu halten, welches innere Bild wäre passend und stimmig?


Auf einem Spaziergang durch einen Wald bin ich fündig geworden. Es war ein sonniger Morgen, trotz des kalten Winters wärmten mich die Strahlen der Sonne. Die Sonne war die Wärme für meine innere Kälte. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf, bis ich einen Baum sah und zum Stehen kam. Die Gedanken verflogen sofort und ich hatte nur Augen für diesen Baum.


Nicht zu groß und nicht zu klein, umgeben von sehr vielen unterschiedlichen Bäumen. Manche waren größer, manche kleiner, manche schmaler, manche breiter, manche mit vielen und manche mit wenigen Ästen. Eines hatten sie mit meinem Baum gemeinsam: Sie trugen alle keine Blätter.

So stand ich da und fing zuerst an, diesen für mich besonderen Baum aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Zuerst sah ich mir den Baum genau an, der alleine da stand. Dann schaute ich mir den Baum mit all den Bäumen drum herum an und so wirkte dieser Baum auf einmal nicht so einsam und alleine. Dann flossen meine Gedanken sofort weiter...




Baum, mein Lebensbaum, mein Stammbaum, für alle diese Dinge könnte dieser Baum stehen, auch für meine Gefühle, zu denen meine Trauer um Dich gehört. Ein einsamer Baum im Wald, ein einsamer Mensch mit seiner Trauer mit Menschen um sich herum. Klar gibt es Menschen um mich herum, aber mit meinen Gefühlen, die in mir sind, versuche ich alleine klar zu kommen, mit meiner Einsamkeit, mit meinen Tränen, die nicht trocknen möchten. Die Gefühle kann mir keiner abnehmen, die muss ich aushalten, wie andere ihre Gefühle aushalten müssen.


Dann betrachte ich diesen Baum weiter und meine Gedanken fließen weiter.....


Betrachte ich diesen Baum als meinen Stammbaum, so sind meine Familie, meine Freunde und alle, die mich umgeben und mir nahe stehen, dieser Baum. Sie sind die Äste, die ganz schutzlos, ohne Blätter im kalten Wind hin und her bewegt werden. Sie sind mir so nah und wir sind ein Ganzes. Dann sehe ich, dass an dem Baum ein paar Äste abgebrochen sind. Sind diese Äste Menschen, die nicht mehr hier bei uns sind? Sind diese Verletzungen die, die ich durch Trauer erlebt habe? Ich betrachte die Verletzungen näher und manche sind heil geworden, manche ganz frisch. Dieser Baum hat Narben, die sehr sichtbar sind.


Ein paar Wochen später gehe ich wieder in diesen Wald. Es ist Frühling geworden und mein Baum blüht langsam auf, wacht aus dem Winterschlaf auf. An der Stelle, an der ich die damals die frische Verletzung erblickt habe, bildet sich eine Narbe. Neben dieser Narbe wachsen kleine neue Äste und Blätter kommen zum Vorschein. Ein frisches Grün umgibt mich und der Geruch ist sehr lebhaft. Neue Äste bedeuten für mich neue Menschen und neue Begegnungen im Leben. Es ist ruhig um mich, nur die Vögel begleiten die Ruhe mit ihrem schönen Gesang, so dass die Stimmung harmonisch wird und ich schöpfe Kraft um durchzuatmen. Die abgebrochenen Äste liegen um den Baum herum, sie sind brüchig und nicht alle sind noch genau zu erkennen, weil manche wieder in den Kreislauf zurückkehren, um wieder Nährstoff für den Baum zu werden, genau wie die kaum noch zu erkennenden Blätter. Ein schöner Gedanke folgt...


Wir sind gemeinsam ein Baum und auch wenn unsere gemeinsame Zeit zu Ende gegangen ist, so gehörst Du dazu, zu diesem Baum und wirst seine Nahrung und Kraft. Der Stamm nimmt Dich wieder auf und nährt uns alle. Nährt uns alle mit Deinem Dagewesen sein, so dass wir durch die Narbe nicht vergessen, dass es Dich gegeben hat. In dem Stamm wirst Du wieder lebendig, wieder ein Teil von uns nach diesen dunklen Wintertagen. Die Blätter, die als Symbol des Lebens stehen, blühen wieder, auch wenn ich die Zeit im Winter gerne anhalten würde, läuft der Kreislauf des Baumes weiter. Die Sonne gibt ihm die Energie, der Regen die Kraft, der Vogelgesang und das Rauschen des Windes die Gefühle.




Langsam wird es Sommer und der Baum zeigt sich in den schönsten Farben, die er zu bieten hat. So kraftvoll, wie Du einmal warst, so stark und so bezaubernd. In den Momenten denke ich nicht über den Winter nach, sondern über das Leben, über das Lachen und Spuren, die Du hinterlassen hast. Über die Liebe, die den Baum umgibt.



Der Herbst bringt wieder eine Wandlung mit sich, die Blätter färben sich und der Baum bereitet sich auf die Stürme, Gewitter und kälteren Nächte vor. Er bettet sich in seinen eigenen Blättern, die seine Wurzeln schützen vor Erfrierungen. Dieser Baum ist trotz seiner fallenden Blätter so kraftvoll, so wunderschön und die neuen Äste sind eine Bereicherung.




Winterzeit, der Kreislauf ist einmal um, ein Jahr älter und der Baum steht immer noch beeindruckend da. Ein Ort der Ruhe, ein Ort für Gedanken und Gefühle, ein Ort um dem Leben und den Narben so nah zu sein. Am liebsten würde ich in dem Baum einen Namen, ein Datum verewigen, aber ich möchte ihm keine Verletzungen zufügen, deswegen erfreue ich mich an dem Baum, so wie er ist.


Mein Baum kann alleine für mich stehen, in einem dunklen Wald, der durch die Sonne und Frühling zum Leben erwacht. Mein Baum kann für alle, mit Dir und mir eingeschlossen, stehen, als Zeichen der Unvergänglichkeit, weil er von Erlebtem genährt wird und immer größer wird, mit Dir. So ein Baum kann wieder Kraft geben, um weiter zu leben und wenn es so weit ist, werden andere Äste übrig bleiben, die an den Ast erinnern, der bei einem Sturm abgebrochen worden ist und den Stamm mit seinem Leben ernährt und bereichert hat.


Ein Baum der Liebe, der Erinnerungen und ein Zeichen für Trauer, für Leben und für neue Wege, die noch gegangen werden müssen, irgendwann, wenn die neuen Äste soweit sind, um ein Ganzes zu ergeben.


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