Beiträge von hphess

    Genau 2 Monate nach Sigis Tod kam AFTER LIFE auf Netflix raus. Ich habe die Folgen verschlungen und saß gleichzeitig lachend und weinend vor dem Fernseher. Am Montag beginnt die zweite Staffel. Leider gibt's da noch keinen Trailer, deshalb poste ich hier mal den der ersten Staffel für alle, die es noch nicht kennen:


    Es kommt immer auf die Umstände an. Meine Großmutter lebte seit meiner Geburt bei unserer Familie, das heißt, eigentlich andersherum, denn es war ihr Haus, in dem die Familie lebte. Sie war für meinen Bruder und mich eine zweite Mutter. Meine Mutter ging bald wieder halbtags arbeiten und mein Bruder und ich wurden von meiner Oma immer dann versorgt und auch erzogen, wenn meine Mutter und mein Vater arbeiten waren. Wir Buben hatten ein herzliches und vertrauensvolles Verhältnis zu ihr. Mein Bruder zog nach München, ich studierte in Stuttgart und blieb weiter daheim wohnen, mittlerweile hatten die Eltern ein Haus gebaut und für die alt werdende und an Herzschwäche leidende Oma wurde alles gut arrangiert, sodass sie keine Treppen mehr laufen musste etc. Sie war ein fester Teil unserer Familie.


    1990, ich war 23, starb sie. Sie hatte vorher zwei Herzinfarkte, erholte sich aber beide male wieder und an Pfingsten starb sie im Kreis der Familie, vollkommen geräuschlos. Ich hatte ihr noch Fotos von meiner Kanadareise gezeigt und mein Bruder war zu Besuch. Nach dem Essen trank sie ein Glas Sekt, sagte, sie würde sich jetzt hinlegen und wir sollen sie zum Nachmittagskaffee wecken. Meine Mutter wollte das tun, kam bleich aus dem Zimmer zurück und sagte "ich glaub', die Oma ist gestorben".


    Ich habe mich in den Wochen danach auch gefragt, warum ich nicht niedergeschlagener bin und auch nicht weine. Ich denke heute, dass es der so versöhnliche Tod meiner Großmutter war. Sie war bereit dafür, hat mal im Kreise der Familie gesagt "jetzt ist alles geregelt, jetzt kann ich dann gehen", sie hat Briefe meines Opas aus der Gefangenschaft vernichtet und alles, was sonst zu privat war für den Rest der Familie und dann hat sie im Kreis der gut gelaunten Familie noch gut gegessen, um sich dann schlafen zu legen... für immer. Wir mussten keinen Todeskampf mit ansehen, sie wurde nicht nochmal in's Krankenhaus gebracht, wir mussten sie nicht verwelken und langsam sterben sehen. Sie war hochbetagt, ihr letzter Tag war ein erfüllter und sie hatte alle ihre Lieben um sich.


    Ja, mir ging es damals wie dir, es hat mich auch sehr verwundert, aber ich war mit 23 auch noch nicht wirklich erwachsen und wie gesagt: die Umstände ihres Todes waren so versöhnlich und ohne Leid, dass wir zwar oft über sie redeten, aber nicht unter Tränen, sondern positiv. Es gab auch keinen in der Familie, der damals in ein ganz großes Trauerloch gefallen ist.


    Viele Grüße,

    hans

    Liebe Bonnie,


    mein herzliches Beileid. Die Sinnfrage stellt man sich natürlich als Trauernder und die Antwort darauf fällt in der Regel ernüchternd aus. Das ist nicht schön. Letztendlich kann man seinem Leben nur selbst wieder einen Sinn zu geben versuchen. Das ist unendlich schwer, weil man schlicht und einfach zeitweise nicht mehr kann und nicht mehr will. Mich hält momentan einerseits die Tatsache aufrecht, dass ich noch Familienmitglieder habe, die an meinem Tod eventuell zerbrechen würden, also ist es ein gewisses Verantwortungsgefühl. Andererseits hat mein verstorbener Lebenspartner, der seinerseits vor unserer Zeit einen Partner durch Unfall verlor, mir die Devise "nie aufgeben! Immer weitermachen!" mit auf den Weg gegeben und da ich ihn über alles liebte, muss und will ich diesen oft geäußerten Wunsch respektieren und zumindest versuchen, ihn zu befolgen. Wo meine Reise dann hinführt, kann ich noch nicht sagen, weil ich noch mitten im Auf und Ab der Trauer bin und sich noch kein emotionaler Weg abzeichnet, der in eine bestimmte Richtung geht.


    Ich wünsche dir viel Kraft!

    hans

    Der eine oder andere Musik-Freak wird den Namen schonmal gehört haben. Neil Peart ist Schlagzeuger und Texter der kanadischen Band Rush. 1997/98 verlor er innerhalb eines Jahres seine Tochter bei einem Autounfall und seine Frau durch Krebs. Das Buch ist eine Autobiografie der Zeit, nachdem auch seine Frau gestorben war. Es war ihm zu viel und zu unerträglich, das alles zu ertragen, also stieg er auf sein Motorrad und fuhr los. Und fuhr und fuhr. Er durchquerte Kanada von Ost nach West, fuhr dann erst weiter nach Alaska und schließlich an der Westküste hinab bis nach Mexiko. Das Buch ist eine Mischung aus Reisebericht und Trauerarbeit. Es enthält Dinge, die ich erst jetzt, da ich selber trauernd bin, wirklich verstehe. Wie einen relativ kleine Anlässe entweder in tiefste Abgründe stoßen können oder auch Hoffnung aufkeimen lassen. Wie ein gespenstischer Tag in einem heruntergekommenen Hotel einen bis auf die Knochen verängstigen kann usw usw. Ich las das Buch vor 15 Jahren, als mein Sigi noch voll bei Kräften war und war schon damals tief beeindruckt. Jetzt habe ich es wieder entdeckt. In meinen guten Phasen lese ich hi und da wieder ein paar Passagen und fühle mich unglaublich gut verstanden.


    https://www.amazon.de/Ghost-Ri…ds=neil+peart+ghost+rider

    In Sachen Vorsorgevollmacht stimme ich zu. Nach dem Tod meines Lebenspartners war dieses Dokument einige Male enorm wichtig und hat vieles für mich erleichtert. Wir haben das 2008 beim Notar machen lassen (General- und Vorsorgevollmacht mit Patientenverfügung). Man ist in der Zeit nach dem Tod eines geliebten, jahrzehntelang verbundenen Menschen in einem seelischen Ausnahmezustand. Wenn man dann wenigstens die organisatorischen Dinge so leicht wie möglich gemacht bekommt, ist das eine große Hilfe.


    Viele Grüße,

    hans