Es kommt immer auf die Umstände an. Meine Großmutter lebte seit meiner Geburt bei unserer Familie, das heißt, eigentlich andersherum, denn es war ihr Haus, in dem die Familie lebte. Sie war für meinen Bruder und mich eine zweite Mutter. Meine Mutter ging bald wieder halbtags arbeiten und mein Bruder und ich wurden von meiner Oma immer dann versorgt und auch erzogen, wenn meine Mutter und mein Vater arbeiten waren. Wir Buben hatten ein herzliches und vertrauensvolles Verhältnis zu ihr. Mein Bruder zog nach München, ich studierte in Stuttgart und blieb weiter daheim wohnen, mittlerweile hatten die Eltern ein Haus gebaut und für die alt werdende und an Herzschwäche leidende Oma wurde alles gut arrangiert, sodass sie keine Treppen mehr laufen musste etc. Sie war ein fester Teil unserer Familie.
1990, ich war 23, starb sie. Sie hatte vorher zwei Herzinfarkte, erholte sich aber beide male wieder und an Pfingsten starb sie im Kreis der Familie, vollkommen geräuschlos. Ich hatte ihr noch Fotos von meiner Kanadareise gezeigt und mein Bruder war zu Besuch. Nach dem Essen trank sie ein Glas Sekt, sagte, sie würde sich jetzt hinlegen und wir sollen sie zum Nachmittagskaffee wecken. Meine Mutter wollte das tun, kam bleich aus dem Zimmer zurück und sagte "ich glaub', die Oma ist gestorben".
Ich habe mich in den Wochen danach auch gefragt, warum ich nicht niedergeschlagener bin und auch nicht weine. Ich denke heute, dass es der so versöhnliche Tod meiner Großmutter war. Sie war bereit dafür, hat mal im Kreise der Familie gesagt "jetzt ist alles geregelt, jetzt kann ich dann gehen", sie hat Briefe meines Opas aus der Gefangenschaft vernichtet und alles, was sonst zu privat war für den Rest der Familie und dann hat sie im Kreis der gut gelaunten Familie noch gut gegessen, um sich dann schlafen zu legen... für immer. Wir mussten keinen Todeskampf mit ansehen, sie wurde nicht nochmal in's Krankenhaus gebracht, wir mussten sie nicht verwelken und langsam sterben sehen. Sie war hochbetagt, ihr letzter Tag war ein erfüllter und sie hatte alle ihre Lieben um sich.
Ja, mir ging es damals wie dir, es hat mich auch sehr verwundert, aber ich war mit 23 auch noch nicht wirklich erwachsen und wie gesagt: die Umstände ihres Todes waren so versöhnlich und ohne Leid, dass wir zwar oft über sie redeten, aber nicht unter Tränen, sondern positiv. Es gab auch keinen in der Familie, der damals in ein ganz großes Trauerloch gefallen ist.
Viele Grüße,
hans