Bald ist es einen Monat her, seit mein Vater verstorben ist. Er wurde uns nicht genommen, sondern ist gegangen.
Mein Vater war ein großartiger Mann, innerlich und äußerlich stark, ein Bär von einem Mann mit einem weichen Kern. Er hatte nur eine zerstörerische Schwäche, die ihn die harte Arbeit, die ständigen Geldsorgen, die gelegentlichen Sorgen um die Kinder usw. vergessen ließ: Alkohol. Trotz seiner Krankheit hat er 40 Jahre Vollzeit hart gearbeitet, hat unsere Familie ernährt und sich kaum über die Vorgesetzten oder ruppigen Kollegen beschwert.
Ich mochte meinen nüchternen Vater, den scharfsinnigen, weisen und empathischen Mann, der er nach der Arbeit und später in der Rente vor dem frühen Nachmittag war. Nach mehreren Gläsern wirkte er entspannt, wurde etwas fahrig und redete viel. Unheimlich viel. Zu viel über zu viele unwichtige Dinge. Hörten wir nicht zu, ärgerte er sich (aber nie zu sehr). Doch in der Zeit davor brillierte er mit seinem scharfen Verstand und seinem Humor der unschuldigen und für mich nach wie vor schönsten Art, nicht dem zynischen oder sarkastischen. Wenn ich einen Rat in Lebensfragen brauchte, kam ich erst zu ihm und dann zu meiner Mutter.
In der Rente mangelte es ihm an männlicher Gesellschaft. Freundschaften lösten sich auf. Die Arbeit, die ihm jahrzehntelang einen Sinn gegeben hatte, war nicht mehr da. Dafür aber die Schmerzen, die ein verbrauchter Körper nach Jahrzehnten des Schleppens von sehr schweren Sachen erdulden musste. Der Alkoholkonsum nahm zu ...
... bis Vater eines Tages in der Notaufnahme landete, weil er geistig und körperlich abbaute. Diagnose: Leberzirrhose im Endstadium.
Schock.
Horror.
Ich weinte mir wochenlang die Augen aus, nachdem ich davon erfahren hatte. Ging zur Arbeit, funktionierte, war aber fahrig, geistig abwesend. Machte viele Fehler.
Nach dem ersten Klinikaufenthalt kam er wieder heim. Aber es dauerte nicht lange, ehe er erneut dort landete. Ihn, meinen starken, fitten Vater, im Krankenhaus gebrechlich und schwach zu sehen, erschreckte mich nicht so sehr, wie ich es befürchtet hatte. Ich wusste, dass man ihm nicht mehr helfen konnte, freute mich aber, dass Vater wenigstens geistig einigermaßen fit war. Bis zum Schluss war Vater bei klarem Verstand, erkannte mich, nur konnte er kaum noch reden und nicht mehr auf jedes Wort reagieren, denn die irdische Hülle starb.
Meiner Mutter gegenüber sagte Vater immer die Wahrheit: dass ihm nur wenige Monate blieben. Tatsächlich waren es letztendlich nur Wochen. Mir gegenüber verschwieg er die Diagnose, obwohl wir beide wussten, dass ich bestens im Bilde darüber war. In seiner Gegenwart war ich nicht stark und musste ich nicht sein. Ich weinte, und dann tröstete er mich oder sagte halb im Scherz: "Weine nicht, sonst kriegen wir von Mama Ärger."
Um Vater zu helfen, organisierte ich, was das Zeug hält. Er war stets dankbar und stolz auf mich. Obwohl Vater in den letzten Jahren oft leider kein guter Ehemann gewesen war, so war er ein bis zum Schluss liebender Vater. Trotzdem stimmte Mutter zu, ihn bis zum Tode daheim zu pflegen, was ich ihr hoch anrechne.
Zwei Wochen lang ging es meinem geliebten Vater so richtig schlimm, dass er meinte, er könne unmöglich in diesem Zustand nach Hause. Als es jedoch soweit sein sollte, verließ er diese Welt. Aus dem Krankenhauszimmer heraus mit Mitte 60.
Ich bin auf meinen Vater nicht sauer, weil er der Sucht verfallen war und nie aktiv gegen sie gekämpft hat. Er war stets für uns da, lag nie betrunken irgendwo rum oder schwänzte die Arbeit. Ich bin auch nicht sauer auf das Schicksal, sondern einfach nur tieftraurig, weil einer meiner liebsten Menschen im gesamten Universum fort ist.
Mit meinem Vater starb nicht nur mein Seelenverwandter, mein Verbündeter und ein Mensch, der mich und mein Geschwister bedingungslos geliebt hat, sondern auch ein riesiger Baum, unter dessen ausladenden Ästen ich mich verstecken konnte, wenn das Leben ab und an gemein zu mir war. Seine Schmerzen und der physische Abbau hinderten Vater daran, uns Kinder tatkräftig zu unterstützen, doch er hatte stets ein offenes Ohr, einen klugen Rat und ein liebendes, mitfühlendes Herz für uns.
Schon immer habe ich es gehasst, abends allein im Bus oder Auto unterwegs zu sein. Je weniger Menschen um mich herum sind, desto mehr schleicht sich dieses elende Gefühl des Verlassenseins, der grässlichen, nagenden Einsamkeit in mein Herz. Seit Papa nicht mehr da ist, habe ich das Gefühl, ständig in der Finsternis auf menschenleeren Straßen zu fahren.
Ruhe in Frieden, geliebter Papa. Du fehlst mir unfassbar. Ich wünschte, wir hätten zusammen noch deutlich mehr Zeit auf Erden verbracht ...