Hallo,
m 07.12.22 ist mein Großer/kleiner Bruder (wegen Behinderung, 58 J.) gestorben. Er hatte seit 2019 mehrere Krebserkrankungen, nie die selbe. Hatte im April dann Lymphdrüsenkrebs und die Behandlung gerade abgeschlossen. Wir sollten im Oktober dann zum Abschlußgespräch.
Seit August 22 ist er dann immer wieder mal umgekippt und ins KH gebracht worden. Er wollte aber nie dableiben und sich komplett checken lassen, ich denke, er hatte einfach Angst davor, das sie erneut Krebs bei ihm feststellen würden. Und ich glaube, das er sich dachte: Was ich nicht weiß habe ich auch nicht.
Anfang Oktober hat er dann extreme Bauchschmerzen bekommen, hat sich dann Schmerzmittel und Tee genommen/gemacht und meinte, damit würde alles wieder gut. Bis er sich dann erbrach.
Er wohnte immer noch bei unserer Mutter, die zu diesem Zeitpunkt 84 Jahre alt war. Sie holte ihm dann einen Notarzt und der nahm ihn direkt mit ins KH.
Am nächsten Morgen habe ich ihm noch seinen Koffer gebracht, da durfte ich nicht rein zu ihm, wegen Corona. Nachts dann die erste Not-Op. Gallenblase extrem entzündet, etliche Steine, die sämtliche Abflüße verstopften, ein Stein wurde fast in die BSD gedrückt, massive BSD-Entzündung, akutes Nierenversagen und noch etliches mehr.
Lag dann 3 Wochen im künstlichen Koma. Durch Corona durfte immer nur eine Person pro Tag zu ihm, aber da unser Mütterken nicht mehr so gut laufen konnte und wir sie im Rollstuhl schoben, da durfte immer eine von uns 2 Schwestern mit.
Wir sind jeden 2.ten Tag da gewesen, ich habe ihm Fußpflege gemacht und Fingernägel, habe ihm die Beine mit durchblutungsfördernder Salbe massiert, mit ihm gesprochen, ihm immer gesagt, das alles gut wird und das ich ihn lieb habe.
Am 31.10. bin ich dann abends nach einem Besuch bei ihm mit meiner Mutter noch einkaufen gegangen und habe mich danach beim wegbringen der Einkaufswagen lang gemacht. Beide Hände und das linke Knie aufgeschlagen und geprellt, das Knie war sogar leicht angeknackst.
Ich hab mich danach dann noch nach Hause gequält, weil eben Mutter im Auto.
Und dann konnte ich nicht mehr fahren!
Meine Schwester ist dann laufend mit unserer Mutter hin, haben mit ihm nach dem Koma sprechen können, ihn streicheln und ihn gesehen. Am 06.12. sagte mein Bruder zu unserer Mutter: "Mutti, Du siehst Müde aus, jetzt kannst Du Dich ausruhen." Am 07.12. morgens dann erneute Not-Op, weil er hohes Fieber bekam. 6 Stunden hat der Professor ihn operiert, sein gesamter Bauchraum war verklebt und vereitert, die BSD zum Teil abgestorben, die Leber, Nieren, Blase, alles entzündet. Sein Blut gerann in seinem Körper, er bekam eine Blutkonserve nach der anderen, aber das wurde quasi im selben Moment wieder abgepumpt, weil es eben "umkippte".
Nach 6 Std. haben sie ihn zu gemacht, weil nichts mehr zu machen war, und unserer Mutter und meiner Schwester gesagt, das er es nicht schafft.
Meine Schwester hat mich dann angerufen, das ich kommen soll. Mein Mann hat mich gefahren, weil ich nicht konnte, und als ich da war, da war er schon Tot.
Ich konnte mich nicht mal verabschieden.
Ich machte mir Vorwürfe, weil ich ja nicht mehr zu ihm konnte. Ich habe ihn im Stich gelassen, und das macht mich fertig.
Unsere Mutter hatte sich 58 Jahre um Ihn gekümmert und jetzt war da nichts mehr. Bei der Beerdigung hat sie so bitterlich geweint, das es mir das Herz zeriß, aber weder davor noch danach hat sie je eine Träne vergossen. Sie sagte zu mir, das sie jeden Tag innerlich weint und schreit, aber sie könne keine Tränen vergießen.
Psychologische Hilfe hat sie abgelehnt.
Ich habe mich dann um sie gekümmert, Ihre Wohnung gemacht, einkaufen, ich habe sie auch geduscht und eingecremt.
Jeden Freitag bin ich zum Friedhof und habe seinen Stein gesäubert und seine Lichter mit neuen Batterien versorgt, wenn nötig. Ich konnte und kann es immer noch nicht ertragen, das er im Dunkeln liegt!
Letzten Mai dann rief meine Mutter an, sie sei gefallen und liege blutend in der Küche. Zum Glück hatte ich ihr ein Täschchen für ihr Telefon gehäkelt, eben genau für so einen Fall.
Als wir hin kamen fanden wir sie in einer recht großen Blutlache, sie hatte es aber noch irgendwie geschafft, sich ein Tuch zu schnappen und das auf ihren Kopf zu drücken.
Mein Mann und ich halfen ihr auf und brachten sie ins Wohnzimmer, wo sie bequem sitzen konnte und ich zog dann das Tuch weg, um den Schaden zu begutachten....... Ich konnte direkt auf den Schädelknochen sehen.
Und sie wollte nicht mal einen Notarzt! Ich hab 112 angerufen, dann wurde sie ins KH gebracht und wurde genäht (18cm lang und gut 1 1/2 Finger breit!) und sie wollte nach Hause. Durfte sie dann nach röntgen und co auch
Nach einem Tag Brillenhämatom, nächsten Tag dann konnte sie sich kaum noch bewegen.
Ich habe dann Notarzt gerufen, und der meinte dann KH, Kurzzeitpflege, bis sie sich wieder bewegen kann.
Und dann konnte man jeden Tag zu sehen, wie sie einfach verschwand. Kurzzeitgedächtnis ließ erschreckend nach, dann Nahrungsverweigerung, und dann stand fest das sie ins Pflegeheim mußte.
Da hab ich mich wieder so erschreckend schuldig gefühlt, denn da wollte sie nie hin, und ich habe ihr das auch versprochen. Aber das hätte ich nicht mehr gepackt, Vollzeit arbeiten, 4 Personenhaushalt und dann Vollzeitpflege, das ging nicht.
Zum Glück hat sie das nicht mehr richtig mit bekommen, sie fragte mich am 2.ten Tag dort, ob sie zu Hause sei und das habe ich dann einfach bejaht. Und am nächsten Tag war sie dann wieder im KH, weil sie vor Schmerzen so geschrien hat, das sie kaum noch Luft bekam. Im KH angekommen war sie nicht ansprechbar und hatte einen Blutdruck von 60 zu 20, und da der Arzt nicht wußte, das sie eine Patientenverfügung hatte, hat er ihr sofort einen Tropf verabreicht.
Am Anfang bekam sie dann noch etwas mit, das meine Schwester, ihre Kinder, meine Freundin(meine Mutter nannte sie "meine dritte Tochter", und sie nannte sie ihre Ruhrpottmama, sowie auch meinen Bruder ihren Ruhrpottbruder) mein Mann, unsere Kinder und ich da waren. Das war sehr schön, wir hatten ein ganzes Zimmer nur für uns, bekamen ein 2tes Bett und einen Liegesessel für uns, Abendessen, Frühstück und Mittagessen für alle, die wollten, Wasser, Kaffee, die haben uns dort wirklich sehr liebevoll umsorgt!
4Tage später war der Geburtstag unseres Bruders und wir dachten, sie würde an diesem Tag gehen, aber sie hielt durch, war jedoch nicht mehr ansprechbar.
Drei Tage später, am 09.07.25 war ich morgens bei ihr, da hat sie schon beim atmen geröchelt. Ich habe dann ihre Hand gehalten, ihr alte Kinderlieder vorgesungen, die sie früher uns vorgesungen hat und mit ihr geredet. Irgendwann sagte ich ihr, das ich nicht möchte das sie geht, das sie sich aber hier um nichts mehr kümmern muß, das ich das alles mit meiner Schwester regeln werde, das niemand von uns böse auf sie ist und wenn sie nicht mehr kann, dann soll sie einfach gehen. Ihr Sohn würde im Himmel auf und ab hüpfen und schreien: Die Mutti kommt, die Mutti kommt!
Eine halbe Std. später ist sie gegangen, ganz friedlich.
Am Tag vor ihrer Beerdigung war ich dann auf dem Friedhof und habe unserem Bruder noch frische Blumen gebracht. Das Feld, auf dem er liegt, war da schon voll belegt und unsere Mutter sollte ganz ans andere des Friedhofes kommen. Das Feld daneben war noch nicht angelegt.
Ich habe dann einen Mitarbeiter des Friedhofes getroffen und mit ihm gesprochen, und ihm dann erzählt, das wir am nächsten Tag unser Mütterken bringen, worauf er ausrief: Ach ihr seid das morgen?
Als wir dann am nächsten Tag nach der Trauerfeier aus der Halle zum Grab gingen, bogen die Urnenträger plötzlich in Richtung Grab unseres Bruders ab, und als ich nach vorne schaute, sah ich die vorbereitete Grabstelle neben dem Grab unseres Bruders und mir lief ein Schauer über den ganzen Körper.
Das war für alle von uns trotz der traurigen Umstände das schönste Geschenk, das uns die Mitarbeiter dort machen konnten.
Ich bin jetzt jeden Freitag nach der Arbeit bei den beiden, fege die Steine ab, kümmere mich um Ihre Lichter und verändere den Grabschmuck, je nach Zustand und Jahreszeit.
Hingehen ist ok, dort etwas machen auch, aber zu gehen, ohne die beiden mitnehmen zu können, das bricht mir jedesmal das Herz.
Sie fehlen mir so sehr, ich weine jeden Tag und kämpfe seither gegen Depressionen.
Sorry dafür, das es so lang geworden ist.
LG