Ich empfinde keine Trauer!

  • Hallo,
    ich habe durch Zufall dieses Forum gefunden und hoffe ihr könnt mir helfen. Anonym, da ich mich nicht gut dabei fühle.
    Es ist so, dass meine Oma vor 2 Wochen verstorben ist. Sie war mir das Liebste was ich hatte. Umso schlimmer dann vor 1 Jahr die Diagnose Krebs ohne Heilungschance. Ich habe damals viel geweint, da ich nicht bei ihr sein konnte (große Entfernung). Wir besuchten sie aber jedes Mal, wenn wir in der Nähe waren und jedes Mal verabschiedete ich mich bewusst, dass ich sie nicht wieder sehen werde. Die Monate vergingen und trotz schlechter Prognose war ihr nicht wirklich etwas anzumerken. Vor 4 Wochen waren wir wieder bei ihr. Sie hatte so viel Freude an ihren Urenkeln. Kaum wieder zu Hause dann die Nachricht, dass es bald soweit ist. Sie wurde bettlägerisch und schlief nur noch - von heute auf morgen. Nun warteten wir auf die Erlösung. Ich sage das bewusst, denn wenn es etwas gab, was meine Oma nicht wollte, dann war es dieser Zustand. Vor 2 Wochen war es dann soweit. Als der Anruf kam, habe ich geweint, aber seit dem ist da nichts mehr an Traurigkeit. Im Gegenteil, ich freue mich, dass sie es geschafft hat. Dass sie keine Schmerzen mehr hat, sich nicht mehr übergeben muss und nicht mehr gepflegt werden muss.
    Bin ich unnormal? Sollte ich nicht heulend da sitzen und um meine geliebte Oma trauern?
    Nächste Woche ist die Beerdigung und ich fühle mich nicht gut, weil ich mit der Trauer der anderen nicht mithalten kann.
    Wir konnten uns 1 Jahr darauf vorbereiten, wir haben alle gemerkt, dass sie nicht mehr wollte.
    Ich fühle mich schlecht, weil ich mich freue, dass sie nun an einem besseren Ort ist. Was ist mit mir los?
    Bitte helft mir.
    VG

  • Ich finde nicht, dass du dich schlecht fühlen musst, weil du in der Lage bist, dich für deine Oma zu freuen, dass sie nicht mehr leiden muss. Wir trauern ja nicht, weil aus Mitleid für einen Menschen, der gestorben ist, sondern weil wir traurig sind, dass er nicht mehr uns ist. Trauer ist im Prinzip eine Art Selbstmitleid, denn wir leiden unter dem Verlust. Eigentlich müsstest du stolz auf dich sein, dass du in der Lage bist, dein eigenes Empfinden hinter das deiner Großmutter zu stellen. Bei der Beerdigung wirst du trotzdem weinen, weil in dem Moment einfach der Verlust so intensiv spürbar ist. Und Trauer ist kein Wettbewerb. Du musst nicht mit der Trauer der anderen mithalten. Jeder Mensch geht anders mit Verlust und Trauer um. Ich wünsche dir viel Kraft für deinen Weg.

  • Hallo,


    mein Beileid zum Verlust deiner lieben Oma.
    Erst mal: Deine Reaktion ist völlig normal.
    Du hast deine Oma ein ganzes Jahr lang begleitet und in dieser Zeit schon mehrmals von ihr Abschied genommen. Wenn du so willst hast du einen kleinen Teil der Trauer schon vorweg genommen. Und du hast dabei geweint. Außerdem befindest du dich im Moment noch in einer Art Schockzustand. Du weißt zwar, dass deine Oma gestorben ist, aber dein Herz kann es noch nicht annehmen. Das wird sich irgendwann ändern und dann kommen auch die Tränen.


    Ich selbst habe meinen Mann durch sein letztes Jahr begleitet und war auch am Ende bei ihm. Mir ging es ganz genau so wie dir jetzt. Ich habe mich gefreut, dass er es geschafft hat. Ich war so froh für ihn. Dass er nicht mehr leiden muss, dass es ihm jetzt gut geht, da wo er jetzt ist. Am Tag als er gestorben ist habe ich noch geweint, zusammen mit den Kindern. Danach nicht mehr. Es ging einfach nicht. Ich dachte auch, dass mit mir etwas nicht stimmt. Aber es gibt hier im Forum viele, denen es genau so ging.


    Und wie Rikama schon sagte, Trauer ist kein Wettbewerb. Es zählt nicht, wer am meisten weint. Auch nicht bei einer Beerdigung. Niemand kann in dich hinein sehen und behaupten, dass du weniger trauerst, nur weil du im Moment nicht weinen kannst. So wie du trauerst ist es richtig. Ganz egal was andere sagen oder tun.
    Ich wünsche dir viel Kraft für deinen weiteren Weg


    Liebe mitfühlende Grüße
    Manuela

  • Auch ich habe meine Lebenspartnerin die letzten 2 Jahre mit ihrem Krebs begleitet und auch wir hatten Zeit, uns damit auseinander zu setzen.Sie wurde , wie deine Oma, plötzlich bettlägerig und die richtige Quaelerei hat "Gott sei dank" nur 4 Wochen gedauert.Ich war bei ihr als sie starb und ich war erstmal nur erleichtert, das sie es geschafft hat.Ich konnte auch die ersten Stunden nicht weinen.Ich denke, wenn man jemanden so lieb hat, dann ist man erstmal " froh" das er nicht mehr leiden muss, die Trauer kommt danach und zwar heftig.Auch du wirst bestimmt irgendwann weinen können. Manchmal ist man ja auch einfach nur tief innendrin traurig ohne das man weinen kann. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Kraft .Liebe Grüsse Andrea

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