Das Gefühl, alleine zurückgelassen zu sein

  • Hallo.

    Ich versuche jetzt nur einmal zu schreiben wie ich mich fühle, aber gleich vorweg, eigentlich bin ich nicht alleine denn ich habe noch zwei ältere Brüder.

    Meine Verluste haben Juli 23 begonnen, in diesem Jahr ist mein Vater verstorben, meine Mutter hat Februar 24 einen Platz im Pflegeheim bekommen mit Endstadium Demenz. Im Juli 24 ist das Elternhaus abgebrannt das ich mit meinem Lebensgefährten gerade renovieren wollte, mit 99% aller unserer Sachen. Im Dezember 24 ist mein Lebendgefährte gestorben und im Mai 25 meine Mutter. Bei meinen Eltern war es nicht überraschend, mein Vater ist mit 86 Jahren zu Hause verstorben und ich war bei ihm. Bei meine Mutter hatte schon Jahre zuvor die Demenz begonnen. Es war eine schwere Entscheidung sie im Pflegeheim anzumelden, aber es ging nicht mehr zu Hause. Sie hatte zwar bereits eine 24 Stunden Betreuung. aber die einzige die sich tatsächlich wirklich gut um sie gekümmert hat konnte fast kein deutsch. Und gerade die Ansprache ist hier sehr wichtig und da ich noch berufstätig bin konnte ich das nicht mehr kompensieren. Wie das mit Demenz abläuft kannten wir, da auch meine Großmutter bereits Demenz hatte und ich damals meiner Mutter bei der Pflege meiner Großmutter geholfen habe.

    Aber es hat sich gezeigt das es eine gute Entscheidung war, in der Zeit ist sie viel aufgeweckter und gesprächiger geworden, da sich dort das Personal wirklich viel Mühe gibt. Sie wußte zwar nicht mehr wer ich bin, hat sich aber jeden Besuch sehr gefreut und ich hatte dann auch wirklich die Zeit mich nur mit ihr zu unterhalten und spazieren zu gehen.

    Aber ich muß auch sagen das ich dann als es mit ihr zu Ende ging, ich nicht bei ihr bleiben konnte. Nach einmal konnte ich nicht dabei zu sehen.

    Am meisten aus der Bahn geworfen hat mich der Tod meines Lebensgefährten, da dieser komplett überraschend kam, am Morgen verabschiedet und Vormittags den Anruf bekommen der er verstorben ist. Er hatte zwar ein Herzproblem aber am Morgen als er zur Arbeit fuhr ging es ihm sehr gut.

    Wir hatten uns schon 35 Jahre vorher kennengelernt waren dann aber nur die letzten 9 Jahre als Paar zusammen. Er war mir eine große Stütze bei der Pflege der Eltern in dem er dabei auf mich geachtet hat und wenn er merkte das ich nicht mehr konnte hat er die Reißleine gezogen und ist mit mir ein paar Tage weg gefahren. Auch nachdem das Haus abgebrannt ist hat er es immer geschafft das ich mich etwas besser fühle.

    Lange Zeit danach war ich abgelenkt mich um alles zu kümmern. Meine Brüder sind zwar immer für mich da wenn ich bei etwas Hilfe brauche, aber in unserer Familie war es nie wirklich üblich über Gefühle zu sprechen. Es war aber trotzdem immer ein sehr enger Familienverband, jeder war für jeden da.

    Letztens war jemand bei mir um etwas abzuholen, wir kannten uns nicht, aber sind ins Gespräch gekommen und so auch die Themen die bei mir in den letzten Jahren so passiert sind. Und noch während ich erzählt habe wurde mir bewußt das es für mich so klingt als würde ich die Geschichte von jemand anderen erzählen und wie tief ich jedes Gefühl in mir vergraben habe, zumindest nicht rauslasse sobald ich mit einer realen Person darüber spreche.

    Dafür kann es sein wenn bei einem Krimi im Fernsehen jemanden etwas passiert ich dann auf einmal zu weinen beginne, aber eben nur wenn ich alleine bin.

    Und dann ist das Gefühl wie wenn ich irgendwo vergessen wurde, das trage ich immer mit mir herum. Ich bin nicht viel unter Menschen, aber selbst in einer Gruppe mit Leuten die ich schon lange kenne verläßt mich diese Gefühl nicht.


    Jetzt denke ich darüber nach: hat es geholfen es einmal aufzuschreiben? Ich weiß es noch nicht.


    Christine

  • Liebe Christine,

    das Gefühl kenne ich sehr gut. Mein Mann starb vor knapp 4 Wochen. Wir haben zwar 3 wundervolle Mädchen die sich rührend um mich kümmern und wirklich sehr bemüht sind. Trotzdem fühle ich mich komplett alleine. Genau wie du sagts, einfach vergessen worden......

    Lg Claudia

    :kenah0009: Ich vermisse dich soooo sehr :*!!

  • Liebe Christine,

    Ein Teil dessen was du geschrieben hast ist mir wohl bekannt.

    Es tut mir sehr leid, dass du so viele Verluste hattest. Auch wenn sich das schlimm anhört: so wie du dich fühlst, das ist nach solchen tragischen Ereignissen irgendwie normal. Dies alles ist so derart einschneidend, da gibt es auch nichts zu kitten. Und es ist auch völlig normal, diese Gefühle zu verdrängen, das macht unser System zum Selbstschutz schon von ganz alleine, da brauchen wir selbst nichts dazutun!

    Mir ging es damals ähnlich wie dir, alle haben mich verlassen und ich wurde einfach zurückgelassen, ja, vergessen. Diejenigen die gingen oder gehen mussten, waren mir alle so vertraut, und man kann sie einfach nicht durch andere ersetzen. Leider sind wir gezwungen ohne sie weiterzumachen. Wir stehen dem Ganzen machtlos und hilflos gegenüber. Und fassungslos! Irgendwann hat mir die Natur geholfen, zum Leben und zu Teilen meiner Gefühle zurückzufinden.

    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft, sei gut zu Dir selbst.

    Mitfühlende Grüße

    Jannie :troest:

  • Oh Mann, Christine.....

    Da hast du aber auch ein ordentliches Paket an dem du trägst!!

    Das war einfach zuviel für einen Menschen, glaube ich. Um nicht durchzudrehen musstest du deine Gefühle zurück drängen.

    Mein Mann ist ein wenig später gestorben als dein Partner und ich leide immer noch wie ein verletztes Tier!!

    Hast du jemanden mit dem du reden kannst? Der wirklich Anteil nimmt?

    Trauerbegleitung? Irgendwas?

    Sei geduldig mit dir und pass gut auf dich auf!

    Liebe Grüße!

    Dagmar

  • Vielen Dank für eure Antworten. Und auch für euere Verluste habt ihr mein Mitgefühl.


    Jetzt ist es ein Monat her das ich es geschrieben habe.

    Das Gefühl ist noch immer da, aber nachdem ich bereits lange darüber nachgedacht habe, war ich vor 4 Wochen im Tierheim und bin mit zwei 5 Jahre alten Katzen nach Hause gekommen. Ich denke wir therapieren uns gegenseitig.

    Sie fassen langsam Vertrauen zu mir und holen mich öfter aus meinen Gedankenkarusell. Und auch wenn es "nur" Katzen sind, ist es doch schön das man zu Hause wieder erwartet wird.

    Und ja, ich habe meine beiden Brüder und unerwartet sind wir letzten Samstag noch einige Zeit zusammengesessen und haben tatsächlich über Gefühle und Ängste gesprochen. Selbst als sie wieder nach Hause gefahren sind, habe ich mich danach doch noch eine Zeit lang besser gefühlt.

    Also ich hoffe für Euch und auch für mich, das es mit der Zeit leichter wird.

    liebe Grüße

    Christine

  • "Nur"Katzen ....

    Katzen sind wirklich heilbringend.

    Für mich sind Tiere schon lange nicht mehr "nur"...., nur viele in der Gesellschaft haben das noch nicht verstanden.

    Alles Liebe und Gute für Deine 2 Süßen und für Dich!