Wie ein Schiff auf dem offenen Meer – Meine Trauer

Veröffentlicht: 15. Februar 2016

Wie ein Schiff auf dem offenen Meer

Ich war im Urlaub am Meer und als ich am Ufer entlang spazierte, sah ich ein Schiff. So setzte ich mich auf eine Bank und meine Gedanken begannen zu fließen. Sie sind so wertvoll für mich, dass ich sie niederschreiben möchte….

In meiner Trauer, in meinem Schmerz fühle ich mich seit Monaten wie auf einem Schiff. Welche Tätigkeit ich auf diesem Schiff verrichte, ist nicht so wichtig, denn ich bin alleine, so kann ich der Käpt´n, der Matrose oder einfach nur ein Passagier sein…

Mein Schiff hat den sicheren Hafen verlassen, ohne Ziel und ohne zu wissen, wohin meine Reise geht. Im Moment scheint die Sonne, das Meer ist wunderschön, blau und ruhig. Ein leichter Wind weht ()durch mein Gesicht, der dabei mein Schiff langsam auf´s offene Meer treibt und hinter mir verschwindet der Horizont. Ungewisse Reise auf der ich mich befinde, aber ich bin nicht neugierig auf den Weg, egal wohin es geht. Ich sage nur leise vor mich hin „Bringe mich weg von diesem Schmerz und von meiner Trauer. Bringe mich weit weg, denn ich möchte alleine sein. Ich möchte im Moment keinen sehen und hören. Ich möchte, dass die Sonne meine salzigen Tränen trocknet. Das Meer sind alle Tränen, die ich um Dich geweint habe…“

Wohin wird der Wind mich bringen, welche Gewässer werde ich durchfahren? Das will ich nicht wissen, denn ich ahne, ich werde es bald erfahren. Die Wellen rauschen leise vor sich hin und ich vergesse für einen Augenblick die Welt um mich herum, ich vergesse den Schmerz, die Trauer und höre nur dem Gesang des Windes und den Wellen zu, die harmonisch mein Schiff hin und her wiegen, so wie mich meine Mama früher als kleines Kind im Schlaf auf den Händen gewiegt hat. Ich fühle mich sicher und geborgen und schlafe bei diesen Gedanken ein.

 

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Ich werde wieder wach. Es zieht ein Sturm auf und ich bemerke, ich kann das Schiff nicht steuern. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll und jeder, den() ich jetzt fragen würde, der könnte mir sagen, was er an meiner Stelle tun würde, aber niemand ist an meiner Stelle. Ich bin hier in dem Sturm, alleine. Vielleicht hat jemand schon einen Sturm erlebt, überlebt, aber nicht diesen in dem ich mich gerade befinde. Der so friedliche Wind wird laut und bedrohlich. Die schönen Wellen türmen sich meterhoch und schaukeln das Schiff, dass mir übel wird. Ich würde jetzt am liebsten laut schreien, aber meine Stimme versagt vor Angst. Ich bin stumm und kralle mich am Mast fest, um nicht über Bord zu fallen. Ich kralle mich an die Reling, so fest wie ich nur kann, weil ich einfach nur überleben möchte. Ich möchte leben, aber ich weiß nicht, ob ich diesen Sturm schaffe und nicht doch mit meinem Schiff untergehen werde. Der Gedanken kommt in mir hoch: „Du musst einfach loslassen und dann hast Du keinen Schmerz, keine Trauer, keine Dunkelheit mehr um Dich herum!“ Es blitzt und donnert und ich frage mich in diesem Moment „Ist das das Licht, in das ich gehen sollte?“ Ein Widerstand macht sich in mir breit. „Was ist mit all den Menschen, die mir so viel bedeuten? Was ist mit den Menschen, denen ich so viel bedeute? Kann ich sie durch mein Aufgeben auch auf so eine Reise schicken? NEIN!“

Es stürmt, es regnet, es ist dunkel und ich bin mitten im Geschehen und kann mich nicht schützen. Ich bin all den Gefühlen, den Gedanken, all dem was passiert, einfach hilflos ausgeliefert. „Halte durch, halte durch!“ sage ich immer wieder zu mir selbst mit beruhigender Stimme. „Wenn Du diesen Sturm überlebst, wirst Du Dich noch mehreren Stürmen in Deinem Leben stellen müssen, aber darauf hast Du keinen Einfluss!“ Wie Recht ich habe, ich kann mein Leben lenken, aber wenn ich in einen Sturm gerate und nicht gelernt habe, mein Schiff zu steuern, so muss ich mich hilflos diesem Sturm aussetzen, mit der Hoffnung, dass dieser irgendwann weniger wird. Und es wird weniger, die dunklen Wolken weichen langsam von Himmel und die Sonne kommt zum Vorschein. Ich lege mich erschöpft hin und atme tief durch, kann noch nicht verarbeiten, was gerade passiert ist und es wird Zeit brauchen, sehr viel Zeit um es zu verarbeiten, zu verstehen.

Meine Hände schmerzen, mein Herz klopft so stark, dass ich überall meinen Pulsschlag spüre, mein Körper zittert und ich habe Angst. Angst vor der Zukunft, Angst vor dem, auf was mich niemand, selbst ich nicht, vorbereiten konnte.

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Auf dem offenen Meer wird es dunkel, aber es leuchten Millionen von Sternen und der Mond wird zur Sonne. Ich lege mich auf dem Deck auf meinen Rücken und blicke in den Himmel. „Bist Du da oben? Irgendwo da oben? Wohin muss ich fahren um Dich wieder zu finden? Ich habe keine Karte, ich habe keinen Plan, kein Ziel, seit Du nicht mehr hier bist.“ Beim Anblick der Sterne laufen mir Tränen über mein Gesicht, denn ich fange an zu begreifen, dass egal wo ich bin, Du mir immer sehr nah sein wirst. Dass Du mich durch diesen Sturm begleitet hast und weiter begleiten wirst. Ich spüre Deine Wärme, Deine Nähe und Deine Liebe und das tröstet mich.

Irgendwann, ja irgendwann werde ich wieder einen sicheren Hafen ansteuern. Ich habe einen Anker, den ich über Bord werfen kann, um einige Minuten an dem Ort, wo ich bin, stehen zu bleiben, um mich umzusehen und meine Umgebung wahrzunehmen.

Das Schiff hat den ersten Sturm überstanden, vielleicht werde ich zulassen können, dass andere Menschen an Bord kommen können, um mit mir gemeinsam ein Stück zu fahren. Manche werden nicht an Bord kommen, aber das macht mir keine Angst, denn sie haben sich schon lange vor meiner Reise verabschiedet.

Der Anker steht für Familie, Freunde und Menschen, die mir nahe stehen, sie sind so sehr mit mir verbunden, wie der Anker mit dem Schiff. Sie sind die Sterne, die mir meine dunklen Nächte erhellen. Als Dank, dass es Dich gibt, es Dich hier auf Erden gab, schieße ich jetzt eine Leuchtrakete in die Luft und lasse andere wissen, dass ich noch am Leben bin. Kein SOS, denn nur ich kann mich retten, aber ein Lebenszeichen, dass der erste Sturm überstanden ist und vielleicht noch viele folgen werden, die ich vielleicht aber nicht mehr alleine durchleben muss.

Auf diese Reise hat mich niemand vorbereiten können, für viele Reisen gibt es keine Pläne, aber ich werde von dieser Reise gestärkt zurückkommen, ich werde nicht der Gleiche sein, der ich einmal war, es wird alles anders sein, denn ich kann das Erlebte nicht vergessen……..Durch die tröstlichen Sterne am Himmel fühle ich mich wieder geborgen und nicht mehr so einsam. Tröstende Umarmungen brauchen nicht viele Worte.

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1 Kommentar:

  1. geschrieben am 05.03.17 um 12:05 von Andrea

    antworten

    wie ein Schiff auf offenen Meer, spricht mir aus der Seele. Ich befinde mich ebenfalls auf „offener See“ und ich weiß auch noch nicht wohin die Reise gehen soll. Und mein Schmerz ist unerträglich, der Verlust meines Ehemannes ist unermesslich. Er war 35 Jahre lang mein Fels in der Brandung, mein Vertrauter, mein Freund. Und jetzt überlebe ich Tag für Tag in einem nicht gewollten erzwungenen Leben. Ich hoffe das sich der Sturm bald legt.

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