Verlust meines Kindes – Unser gemeinsamer Kampf

Veröffentlicht: 15. Februar 2016

Verlust meines Kindes – Unser gemeinsamer Kampf

Vor 13 Monaten machte ich die bitterste Erfahrung meines Lebens – ich verlor meinen 31jährigen Sohn.

Mein Sohn war trotz seiner Erkrankung (Diabetes) ein lebenslustiger Junge. Er war begabt, sportlich, musikalisch und liebte von klein auf alles, was mit Computern zu tun hatte. Er machte eine gute Ausbildung und wollte Informatik studieren. Mein Sohn hatte keinerlei Probleme, schon in jungen Jahren eine feste Freundin, mit der er, wie er selber sagte, die glücklichste Zeit seine Lebens verbrachte – bis irgendwann Drogen in sein Leben traten. Wie ich im Nachhinein weiß, hat er alle möglichen Rauschmittel ausprobiert. Er veränderte sich, entfernte sich von Freunden, spielte nächtelang Computerspiele und träumte von einer anderen Welt.

Sein Studiumswunsch rückte in den Hintergrund und er wurde zusehends depressiver. Damit begann sein zweiter Leidensweg – die Medikamentensucht. Er bekam ‚zig verschiedene Schlafmittel, Antidepressiva, Benzodiazephine, Neuroleptika verschrieben – der Psychiater wurde sein bester Freund – da er ihm jedes gewünschte Mittel verschrieb. Die Nebenwirkungen dieser Medikamente machten ein normales Leben zunichte und veränderten zusätzlich die Persönlichkeit meines Sohnes. Es kam wie es kommen musste – die Beziehung ging nach 12 Jahren in die Brüche, mein Sohn zog zuerst in das Elternhaus und danach in eine kleine eigene Wohnung.

Gleichzeitig begann mein Kampf gegen die Medikamente. Das Wohlergehen meines Sohnes wurde mein Lebensinhalt. Ich suchte alle behandelnden Ärzte auf, um sie auf den Gesundheitszustand meines Sohnes aufmerksam zu machen. Ich konnte meinen Sohn überreden, sich in eine Therapie zu begeben. Leider erkrankte er schon nach kurzer Zeit schwer – Sepsis. Er wurde ins künstliche Koma versetzt, sein Leben hing am seidenen Faden, wochenlang lag er auf der Intensivstation. Doch das Wunder geschah – er konnte „gesund“ (bis auf die Medikamente, die nach und nach herunterdosiert werden mussten) entlassen werden. Ich war nach so vielen durchwachten Nächten so glücklich und froh und zuversichtlich – wir konnten endlich wieder zusammen Pläne schmieden und uns auf die Zukunft freuen.
Wir sprachen über Tod – mein Sohn äußerte sich dahingehend, dass er mir den Schmerz nie antun würde.

Einige Wochen später fand ich meinen Sohn leblos in seiner Wohnung – der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. In den Ermittlungen hieß es, alles deute auf Drogen hin; entsprechende Zeitungsannonce folgte.
Der Schmerz nach diesem unerwarteten, plötzlichen Einschnitt in mein Leben – nach all meinem Kampf gegen Drogen, gegen Medikamente – und totzdem verlorenem Kampf – lässt sich nicht in Worte fassen. Ich war verzweifelt, weil ich am Abend zuvor nichts gemerkt hatte – wie sehr muss die Sucht von meinem Sohn Besitz ergriffen haben, ich fühlte mich schuldig, ihn allein gelassen zu haben.

Wenn ich mir vorstelle, was er in seinen letzten Stunden und Minuten durchgemacht hat, wie einsam und allein er gestorben ist, könnte ich schreien vor Ohnmacht. Das Gefühl versagt zu haben, lässt mich nicht los. Wie oft stelle ich mir die Fragen nach dem WARUM. Warum habe ich nichts gemerkt? Warum haben die Ärzte nichts unternommen? Quälend die Frage – kannte ich meinen Sohn wirklich gut genug, oder ist er vielleicht doch wieder rückfällig geworden und hat wieder Drogen eingenommen.

Erst kurz vor seinem 1. Todestag dann die Gewissheit – keine Drogen aber ein Zuviel an Medikamenten. Zwar keines allein im toxischen Bereich, aber im Zusammenwirken eben doch tödlich.
Keine Drogen – ein kleiner Sieg/eine Genugtuung!? Und doch bitter.
Die über Jahre hinweg verschriebenen Medikamente, deren Missbrauch und der geschwächte Gesundheitszustand haben meinen Sohn das Leben gekostet – WARUM hat „man“ dies nicht verhindern können?!

Ich kann bis heute nicht begreifen, warum ausgerechnet mein Sohn auf einen solchen Weg geraten ist und ich ihn mit meiner Liebe und Fürsorge nicht davor bewahren konnte. Ich habe das Beste für mein Kind gewünscht und mit diesem Verlust den Sinn des Lebens verloren. Aber der Tod meines Sohnes hat mir auch die Augen für manche Dinge des Lebens geöffnet – mich sensibler für meine Mitmenschen gemacht und mich gelehrt, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen muss. Vielleicht ist dies das Vermächtnis meines Sohnes, den ich so sehr geliebt habe und immer lieben werde – ich hoffe, dass ich es eines Tages annehmen kann.

 

trauerkerze0315

 

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2 Kommentare:

  1. geschrieben am 25.02.16 um 13:22 von Ingelore Frank

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    mir fehlen die Worte, es ist genau meine Geschichte,
    ich habe gekämpft und doch verloren, mein Sohn ist im Dezember 2015 verstorben, ob Medikamente oder Drogen schuld sind, weiß ich nicht. Ich kann momentan nicht mehr schreiben, es tut so weh

  2. geschrieben am 06.12.18 um 16:00 von Rosenna

    antworten

    Bei meinem Sohn war es ähnlich, jedoch mit Alkohol. Durch den Alkohol kam es zu einem tragischen Unfall. Ich habe auch viel gekämpft. Umsonst. Er war erst 21.

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