Trauergedichte von Hans Thoma

Veröffentlicht: 28. Dezember 2016

Trauergedicht von Hans Thoma

 

Ich kam, weiß nicht woher,
bin und weiß nicht wer,
leb, weiß nicht wie lang,
sterb und weiß nicht wann,
fahr, weiß nicht wohin,
mich wunderts, daß ich so fröhlich bin.
Da mir mein Sein so unbekannt,
geb ich es ganz in Gottes Hand. –
Die führt es wohl so her wie hin,
mich wunderts, daß ich noch traurig bin.

Hans Thoma (* 1839 – † 1924)

Trauergedichte von Henry Scott Holland

Veröffentlicht: 28. Dezember 2016

Trauergedichte von Henry Scott Holland

 

Der Tod hat keine Bedeutung –
ich bin nur nach nebenan gegangen.
Ich bleibe, wer ich bin,
und auch Ihr bleibt dieselben.

Was wir einander bedeuteten, bleibt bestehen.
Nennt mich bei meinem vertrauten Namen.
Sprecht in der gewohnten Weise mit mir
und ändert Euren Tonfall nicht!

Hüllt Euch nicht
in Mäntel aus Schweigen und Kummer.
Lacht wie immer
über die kleinen Scherze, die wir teilten.

Wenn Ihr von mir sprecht, so tut es ohne Reue
und ohne jegliche Traurigkeit.
Leben bedeutet immer nur Leben
– es bleibt so bestehen, immer –
ohne Unterbrechung.

Ihr seht mich nicht,
aber in Gedanken bin ich bei Euch.
Ich warte eine Zeit lang auf Euch
– irgendwo, ganz in der Nähe –
nur ein paar Straßen weiter.

Henry Scott-Holland (* 27. Januar 1847 – † 17. März 1918)

Tod bedeutet gar nichts.
Ich bin nur nach nebenan verschwunden.
Ich bin ich und du bist du.
Was immer wir füreinander waren,
das sind wir noch.

Nenne mich bei dem alten vertrauten Namen.
Sprich von mir, wie du es immer getan hast.
Ändere nicht deinen Tonfall.
Zwinge Dich nicht zu aufgesetzter Feierlichkeit oder Traurigkeit.

Lache weiterhin über die kleinen Scherze,
an denen wir gemeinsam Spaß hatten.
Spiele, lächle, denke an mich, bete für mich.
Lass meinen Namen weiterhin so geläufig sein,
wie er immer war.

Sprich ihn unbekümmert aus,
ohne die Spur eines Schattens.
Das Leben bedeutet all das,
was es bisher bedeutete.

Es ist genauso wie immer.
Es geht uneingeschränkt und ununterbrochen weiter.
Ist der Tod nicht nur ein unbedeutender Zwischenfall?
Warum sollte ich vergessen sein,
nur weil du mich nicht mehr siehst?
Ich warte einstweilen auf dich,
ganz in der Nähe,
nur um die Ecke.
Alles ist gut.

Henry Scott Holland (* 1847 – † 1918)

Trauergedichte von Heinrich Heine

Veröffentlicht: 30. September 2017

Trauergedichte von Heinrich Heine

 

Am fernen Horizonte
Erscheint, wie ein Nebelbild,
Die Stadt mit ihren Türmen
In Abenddämm’rung gehüllt.

Ein feuchter Windzug kräuselt
Die graue Wasserbahn;
Mit traurigem Takte rudert
Der Schiffer in meinem Kahn.

Die Sonne hebt sich noch einmal
Leuchtend vom Boden empor,
Und zeigt mir jene Stelle,
Wo ich das Liebste verlor.

Heinrich Heine ( † 1797 – * 1856)

Wo?

Wo wird einst des Wandermüden
letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?

Werd‘ ich wo in einer Wüste
eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh‘ ich an der Küste
eines Meeres in dem Sand?

Immerhin mich wird umgeben
Gottes Himmel dort wie hier,
und als Totenlampen schweben
nachts die Sterne über mir.

Heinrich Heine (* 1797 – † 1856)