Trauer Lyrik – Trauersprüche / Trauergedichte

Veröffentlicht: 15. Februar 2016

Trauerlyrik

Trauergedicht von Charles Henry Brent

Was ist sterben? 

Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte wie es am Horizont verschwindet.
Jemand an meiner Seite sagt: „Es ist verschwunden.“

Verschwunden wohin?
Verschwunden aus meinem Blickfeld – das ist alles.
Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war als ich es gesehen habe.
Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus meinen Augen verschwindet ist in mir,
es hat mit dem Schiff nichts zu tun.

Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere,
die es kommen sehen, und andere Stimmen, die freudig Aufschreien: „Da kommt es!“
Das ist sterben.

Charles Henry Brent (9.4.1862 – 27.3.1929)

 

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Trauergedicht von Jacob Arcadelt

Der weisse, stolze Schwan hat wunderbar gesungen,
und weinend bin ich an mein Lebensend gedrungen,
welch streng und hartes Schicksal, ist ungetröstet sterben.

Um mich der Tod will werben,
im Tod werd ich gefangen,
von aller Freud erfüllt, beseligt vom Verlangen.

Wenn in dem Sterben ich nicht andern Schmerz müsst tragen,
ich stürb wohl tausendmal in meinen Lebenstagen.

Jacob Arcadelt (* 1504; † nach 1562, möglicherweise 4. Oktober 1568)

 

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Trauergedicht von Fritz Reuter

Ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.

Das, was ich für dich war, bin ich immer noch.
Gib mir den Namen, den du mir immer gegeben hast.

Sprich mit mir, wie du es immer getan hast.
Gebrauche nicht eine andere Lebensweise.

Sei nicht feierlich oder traurig.
Lache weiterhin über das,
worüber wir gemeinsam gelacht haben.

Ich bin nicht weit weg,
ich bin nur auf der anderen Seite des Weges.

Fritz Reuter (1810–1874)

 

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Trauergedicht von Friedrich Rückert

Du bist ein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht.

Du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich auch nach dir frage,
finde ich von dir Bericht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
da wohnst Du bei mir dicht.

Friedrich Rückert (Kindertotenlieder 1788-1866)