• Trauergedichte 2




    O lieb’, solang du lieben kannst!
    O lieb’, solang du lieben magst!
    Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
    Wo du an Gräbern stehst und klagst!


    Und sorge, dass dein Herze glüht
    Und Liebe hegt und Liebe trägt,
    Solang ihm noch ein ander Herz
    In Liebe warm entgegenschlägt!


    Und wer dir seine Brust erschließt,
    O tu ihm, was du kannst, zulieb’!
    Und mach’ ihm jede Stunde froh,
    Und mach’ ihm keine Stunde trüb!


    Und hüte deine Zunge wohl,
    Bald ist ein böses Wort gesagt!
    O Gott, es war nicht bös gemeint, -
    Der andre aber geht und klagt.


    O lieb’, solang du lieben kannst!
    O lieb’, solang du lieben magst!
    Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
    Wo du an Gräbern stehst und klagst!


    Dann kniest du nieder an der Gruft
    Und birgst die Augen, trüb und nass,
    - Sie sehn den andern nimmermehr -
    Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.


    Und sprichst: O schau’ auf mich herab,
    Der hier an deinem Grabe weint!
    Vergib, dass ich gekränkt dich hab'!
    O Gott, es war nicht bös gemeint!


    Er aber sieht und hört dich nicht,
    Kommt nicht, dass du ihn froh umfängst;
    Der Mund, der oft dich küsste, spricht
    Nie wieder: Ich vergab dir längst!


    Er tat’s, vergab dir lange schon,
    Doch manche heiße Träne fiel
    Um dich und um dein herbes Wort -
    Doch still - er ruht, er ist am Ziel!


    O lieb’, solang du lieben kannst!
    O lieb’, solang du lieben magst!
    Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
    Wo du an Gräbern stehst und klagst!


    Ferdinand Freiligrath (1810-1876)


    Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern,
    in alle Formen mich kleiden,
    in alle Sprachen des Lebens,
    um dir einmal wieder zu begegnen.

    Friedrich Hölderlin (20. März 1770 - 07. Juni 1843)



    Man weiß,
    dass die akute Trauer nach solch einem Verlust ablaufen wird,

    aber man wird ungetröstet bleiben,
    nie Ersatz finden.

    Alles, was an seine Stelle rückt,
    und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte,
    bleibt doch etwas anderes.

    Und eigentlich ist es recht so.

    Das ist die einzige Art,
    die Liebe fortzusetzen.


    Sigmund Freud ( 6.Mai 1856 - 23. September 1939)


    Du bist ein Schatten am Tage
    und in der Nacht ein Licht.

    Du lebst in meiner Klage
    und stirbst im Herzen nicht.

    Wo ich auch nach dir frage,
    finde ich von dir Bericht.

    Wo ich mein Zelt aufschlage,
    da wohnst Du bei mir dicht.

    Friedrich Rückert (Kindertotenlider 1788-1866)


    Ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
    Ich bin ich, ihr seid ihr.


    Das, was ich für dich war, bin ich immer noch.

    Gib mir den Namen, den du mir immer gegeben hast.


    Sprich mit mir, wie du es immer getan hast.

    Gebrauche nicht eine andere Lebensweise.


    Sei nicht feierlich oder traurig.

    Lache weiterhin über das,

    worüber wir gemeinsam gelacht haben.


    Ich bin nicht weit weg,

    ich bin nur auf der anderen Seite des Weges.


    Fritz Reuter (1810–1874)


    Der weisse, stolze Schwan hat wunderbar gesungen,
    und weinend bin ich an mein Lebensend gedrungen,
    welch streng und hartes Schicksal, ist ungetröstet sterben.


    Um mich der Tod will werben,

    im Tod werd ich gefangen,

    von aller Freud erfüllt, beseligt vom Verlangen.


    Wenn in dem Sterben ich nicht andern Schmerz müsst tragen,

    ich stürb wohl tausendmal in meinen Lebenstagen.


    Jacob Arcadelt (* 1504, 1506 oder (unwahrscheinlicher) 1514; † nach 1562, möglicherweise 4. Oktober 1568)


    Was ist sterben?
    Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte wie es am Horizont verschwindet.

    Jemand an meiner Seite sagt: "Es ist verschwunden."


    Verschwunden wohin?

    Verschwunden aus meinem Blickfeld - das ist alles.

    Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war als ich es gesehen habe.

    Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus meinen Augen verschwindet ist in mir,

    es hat mit dem Schiff nichts zu tun.


    Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere,

    die es kommen sehen, und andere Stimmen, die freudig Aufschreien: "Da kommt es!"

    Das ist sterben.


    Charles Henry Brent (9.4.1862 – 27.3.1929)